Zeltstadt bietet Kindern und jungen Familien Urlaub mit Abstand

Woanders e. V. will Wunden des Corona-Lockdown mit Spiel und Sozialarbeit lindern

Da ruht ein junger Mann names „Hut“, weil er ständig einen trägt, am Freitagnachmittag mit ausgebreiteten Armen von der Nachtwache aus. In der Sonne liegt er auf einem der zunehmend verwitterten Kanalrohrsegmente die rund um den Lagerfeuerplatz arrangiert sind. Sommerferien in der Kreisstadt des Rhein-Erft-Kreises: die Zeltstadt in Bergheim an der Erft bei Paffendorf ist der Pandemie zum Trotz geöffnet.

Teilnehmer sitzen im Kneipenzelt, holen sich was zu trinken – die Bionade lässt grüßen. Im Küchenzelt hört man allenfalls hinter der Plane was rumoren, bis zum Abendessen ist es noch weit. Eigentlich sollte es in einem Workshop an diesem Nachmittag um die Fertigung von Rauchbomben gehen, statt dessen geben sie sich der Ferienstimmung im Sonnenschein hin.

Farbige Bändchen kennzeichnen Bezugsgruppen.

Die einen mit schwarzen Bändchen am Handgelenk, die anderen mit den Farben Rosa, Grün oder Lila. Überall da, wo Menschen mit unterschiedlichen Farben am Handgelenk enger zusammensitzen, zücken die Teilnehmer eine Gesichtsmaske. Alle haben eine dabei. Bezugsgruppen von zehn Personen dürfen engen Kontakt ohne Maske haben. Ansonsten heißt es Abstand halten, Maske anziehen. Außerhalb der Bezugsgruppe wird höchstens kurz knuddeln geduldet, mit Maske und angehaltenem Atem.

„Wer innen die Zelte mit Desinfektionsmittel abreibt, killt nicht nur den Virus, sondern auch die Imprägnierung.“

Birgit Hefner, Teamleiterin

In der Zeltstadt, geboren als Kind der emanzipatorischen Jugendarbeit der 1990er Jahre, sieht es diesen Sommer rund um den Feuerplatz fast so aus wie immer: Bühne, Kneipe, Zelt zum Chillen, Küche, Openair-Duschen, Klowagen. Aber im Bereich jenseits des Buchungszeltes ist es ziemlich leer, die Gruppenzelte fehlen, in denen sonst die „Kidz“ von sieben bis zwölf Jahren mit Betreuern zusammen übernachten. Ausgerechnet für die jüngsten Zeltstadtbesucher fällt die so reizvolle Übernachtung auf dem Platz aus, nach jedem Tag auf dem Platz geht‘s wieder nach Hause.

Gruppenzelte fehlen, Privatzelte sorgen für Festivalflair.

Der Grund liege in der vorgeschriebenen, täglichen wie schwierigen Desinfektion der Zelte, „wer innen die Zelte mit Desinfektionsmittel abreibt, killt nicht nur den Virus, sondern auch die Imprägnierung“, erklärt Birgit Hefner von der Teamleitung. Ansonsten könne man noch täglich die Zelte auf links drehen und in die Sonne legen! Wer soll das tun? Was tun, wenn‘s regnet?

„Natürlich haben wir Schiss.“, Birgit Hefner, Maike Zöllner und Marco Murawski.

„Natürlich haben wir haben Schiss“, gibt Birgit Hefner unumwunden zu. Sollten sich Teilnehmer der Zeltstadt mit Corona infizieren, wäre das eine Katastrophe für die Zeltstadt und den Trägerverein Woanders e. V., da ist sie sich mit Maike Zöllner einig, ebenfalls Teamleiterin und Studentin der Sonderpädagogik. Ihr Partner Marco Murawski ist mit 19 Jahren der jüngste Vorsitzende des Woanders e. V. jemals. Cedric Schumann gilt als „inoffizieller Teamleiter-Häuptling“.

Das gesamte Zeltstadt Team sei in verschiedenen Online-Konferenzen schon kurz davor gewesen, das fast fünf Wochen dauernde Zeltlager wegen der Corona-Pandemie zu streichen, schildern die zwei Frauen von der Zeltstadt-Teamleitung. Die Verantwortung, die es für die Ehrenamtlichen da zu schultern gelte, habe vielen zu schwer gewogen.

Dann habe die Teamer Botschaften von befreundeten Psychologen, Sozialarbeitern und aus medizinischen Diensten erreicht. Sie erzählten von der Überforderung der Familien während des Lock Downs, Beruf im Homeoffice und die Betreuung der Kinder überein zu bringen. Erzählten von Gewalt, von Alkoholismus von sich mehrenden psychischen Erkrankungen. Spätestens da habe das Team die Herausforderung angenommen, und sich auf das sozialarbeiterische Können der Teamer konzentriert.

48 Menschen dürfen gleichzeitig auf dem Platz sein, berechnet nach der Formel „überdachter Platz bei Regen mal Abstandsregel“, erläutern die Teamer. Und das Verlangen der Familien nach Urlaub bestärkten sie, nur bei den „Teenz“ von 12 bis 15 Jahren seien noch Plätze frei , ansonsten seien sie Woche für Woche bis Ende Juli ausgebucht mit „Kidz“ und „Generationz“, also ganzen Familien.

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