Brühler Milchbar feiert 65. Geburtstag im Freilichtmuseum

Wozu Risse im Mauerwerk doch gut sind

Was ist eigentlich aus der Brühler Milchbar geworden? Wir erinnern uns: in einer warmen Nacht im August letzten Jahres hat das sorgfältig präparierte Gebäude auf einem Tieflader den Weg über die enge Carl-Schurz-Straße in das Freilichtmuseum Kommern des Landschaftsverbandes Rheinland genommen.

Was vorher geschah: Blauer Mond in der Milchbar und Beim Transport ging es um Zentimeter

Dort führt jetzt eine leicht abschüssige Straße, die Lindenallee vorbei an Wellblechhütten, die Nissenhütten, die die britischen Truppen kurz nach dem Krieg zur Behausung wohnungsloser Kriegsopfer zurückgelassen hatten. Am Ende der Straße präsentiert sich der vertraute Anblick der Bierkneipe von Mike Smith als ein echtes Deja-Vu.

Neue Adresse am Ende der Lindenstraße

Es ist ein eigentümliches Wiedersehen mit dem eingeschossigen Gebäude und seiner charakteristischen Bogenform, in dem einstmals die Kühltheke der Marke Caracciola im Mittelpunkt des Geschehens stand. Von dort aus wurden kühle Milchmixgetränke, kredenzt, die je nach Rezeptur auch mit Speiseeis oder Likören verfeinert wurden. Zubereitungen wie „Weißer Traum“ oder „Blauer Mond“ gingen neben Flaschenbier über die Theke. In einem integrierten Kiosk wurden Zigaretten, Schokolade, Bier, Bonbons oder „Chewing Gum“ angeboten.

Carsten Vorwig hinter der Theke

Als eines der Gebäude im Ensemble „Marktplatz Rheinland“ soll es die Entwicklung von Dorfstrukturen im Rheinland von der Nachkriegszeit bis heute widerspiegeln. Als Eckhaus steht es hier neben einer hochgewachsenen Linde und einem gelben Telefonhäuschen von der Post, und zwar längst schon auf einem Betonfundament. Ein Fundament ist auch schon für den Bereich des Billiardzimmers gegossen. Im Zuge der Umzugvorbereitungen wurde es abgerissenen, im Museum soll das Billiardzimmer komplett neu entstehen, nach den sorgfältig dokumentierten Vorgaben des Originals.

„Was ist an alter Struktur vorhanden und wie gehen wir damit um?“

Carsten Vorwig, Projektleiter des Milchbarumzugs

Am 12. August 1955 hatte Familie Josef und Gertrud Eich zur großen Eröffnungsfeier in die Milchbar eingeladen. Das ehrgeizige Ziel der Museumsmannschaft sei es, das Gebäude in einem guten Jahr, nämlich zum 66. Geburtstag vorzeigbar zu machen, sagte Carsten Vorwig. „Was ist an alter Struktur vorhanden und wie gehen wir damit um?“ sei die zentrale Fragestellung der letzen Monate bis heute gewesen.

Erforschung der Substanz

Zur näheren Erforschung der Substanz hätten die Historiker einige Schichten Farbe freigelegt, von Beige bis Rot, an der Holzvertäfelung im Thekenbereich und an der Theke selbst einen blauen Farbanstrich, zusammen mit weißen Rauten wohl die Originalfarbe der Kühltheke. Auch den Boden unter dem Kunststofffliesenbelag habe man erkundet.

Wandgemälde mit Respekt behandelt

Sehr spannend sei die Entdeckung des Wandgemäldes über dem Thekenbereich, das auf den alten Scharzweißfotos gut zu sehen gewesen sei., freut sich Vorwig. Vermutlich in den 1965er Jahren sei es hinter einer halbrund angelegten Wandverkleidung hinter einer dünnen, leicht formbarer Pressspanplatte verschwunden.

Wandgemälde des Malermeisters Vogel

Der gefälligen Unterwasserwelt, ganz im Stil der damals vorherrschenden Nierentisch-Ornamentik, sei man zu dem Zeitpunkt wohl überdrüssig geworden, sagte Vorwig. Aber man habe damals das Wandgemälde des Brühler Malermeisters Vogel bei allem Modernisierungswillen, dennoch mit viel Respekt behandelt und es nicht etwa durch Übermalung zerstört. Auch im Deckenbereich habe man unter der Abhängung eine recht fragile Strukturmalerei entdeckt, die wie die Imitation eines Stabparketts wirke.

Deckengestaltung wie ein Stabparkett

Wieviel man davon noch erhalten könne, wisse er nicht, zumal noch nicht ganz gewiss sei, wohin die Reise gehen soll. Aber zwei Zeitschnitte möchte man im Gebäude den späteren Besuchern des Hauses zeigen. Wenigstens drei Epochen seien allerdings bekannt und dokumentiert, sag Vorwig. Einmal sei es die Milchbar aus dem Jahr 1955, die den damaligen Zeitgeist im Wiederaufbaudeutschland und der US-dominierten Kultur widerspiegele.

Bis zuletzt bestens dokumentiert

Dann gebe es noch die Rockerkneipe der 1970er Jahre und natürlich den letzten, wohl am besten dokumentierten Zustand, bis 2019. Hierzu sei eben alles bestens bekannt und vorhanden, angefangen von der Wandfarbe über die Plattencover und die Bilddrucke des letzten Besitzers Mike Smith, dem Enkel der Gründer.

Und noch eines habe der Umzug zutage gefördert, den das Gebäude übrigens in gutem Zustand überstanden habe. Ein paar wenige Risse seien im Mauerwerk entstanden. Und in der Wand zur ehemaligen Parkplatzseite hin, zeichneten sie genau die Form eines Kreisbogens.

Saalanbau blieb unverwirklicht

Risse offenbaren Türausschnitt

Es sei der Ausschnitt einer zum damaligen Zeitgeist passenden Tür, die die Familie Eich im Hinblick auf eine baldige Erweiterung der Milchbar schon eingerichtet habe, nämlich die Tür zu einem geplanten Saalanbau. Allerdings sei das Vorhaben an einer Baugenehmigung gescheitert. Eine größer angelegte Örtlichkeit mit Alkoholausschank als die vergleichsweise kleine Einraum-Gastronomie der Milchbar sei wohl nicht im Sinne der Brühler Stadtväter gewesen, so Vorwig.

http://www.marktplatz-rheinland.lvr.de/

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