Der Begriff Kultur erfährt im Texttrio zur Braunkohle eine ziemlich weite Auslegung – zugegeben

Braunkohle?

Nahbesprechung nur für Musik und Kultur? Zum Glück ist der Begriff Kultur einer, den ich weit auslegen kann. Freud etwa betrachtete als Kultur schlicht alles, was nicht ausdrücklich Natur war.

So betrachtet passen die drei letzten Beiträge ja doch ganz gut ins Bild des Magazins, da geht es nämlich um beides, um unseren kulturellen Umgang mit Natur, heute und zukünftig. Ich möchte euch das Braunkohlentrio empfehlen, als momentane Schlaglichter auf ein Thema, das mein ganzes Leben prägte, und das nicht allein mein berufliches in zahlreichen Reportagen.

Aufgewachsen bin ich ja gleich zwischen zwei Braunkohlen-Kraftwerken, deren beider Schlote und Kühltürme vom alten Friedhof auf einer Oberaußemer Anhöhe zu sehen waren, wie schon Günter Grass feststellte. Legendär ist durch seine Schilderung, ich glaube in „Katz und Maus“, der Friedhofsausblick auf die nächtlichen Lichter des Kraftwerks Niederaußem geworden.

Das ältere Kraftwerk Fortuna war besonders vom Platz unter der alten Eiche am Ende der ausladenden Natursteintreppe zu sehen. Ein Blick auf die Kühltürmen aus leicht erhöhter Perspektive übrigens, die bis zum Schluss jede Menge Wasserdampf emitierten, und Schlote, aus denen Rauchgase quollen, damals noch gänzlich ungefiltert. So ungefiltert, dass meine Mutter einen grauen Belag auf der frisch gewaschenen weißen Wäsche sah, je nach dem wie der Wind stand.

Aber das Kraftwerk bescherte mir einen Anblick, der besonders in klaren Vollmondnächten eine bewegte Industrieästhetik mit cineastisch anmutenden Kulisseneffekten offenbarte und an den sonstigen Tagen immer eine erlebnisreiche Durchfahrt gewährte. Es bot Ortskundigen eine Abkürzung für das Rennrad, die Vespa und später den Käfer, die zunächst über die kleine Brücke quer zur Kohlenbahn mitten ins Werk über Industriestraßen führte, und nach einer Abbiegung auf die Landstraße nach Quadrath.

In den 1980er Jahren ist all das wovon ich gerade sprach, das Kraftwerk inklusive Straße mit Erschließung des Tagebau Bergheim abgerissen worden, so wie auch die eigens zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaute Bergarbeitersiedlung Fortuna. Ein Abriss, der übrigens meinen Einstieg in die Fotografie prägte. Es ist ein Umstand, der sich in meiner Wertschätzung der Arbeiten von Hubert Perschke widerpiegelt.

Den Stil, der in Fortuna gepflegten typischen Gebäude- und Gartenarchitektur ist noch im Oberaußemer Viertel zu Füßen des hügelartigen Abtsbusches zu finden, und zwar entlang der Fortunastraße und Abts-Acker-Straße.

Viel Vergnügen beim Lesen,

Euer Oliver Tripp

Ach übrigens, alle diejenigen Musiker, Komponisten, Bildhauer, Veranstalter deren Material wie guter Wein in meinem Archiv zur Veröffentlichung lagert bitte ich um Verständnis. In der ungewohnten Rolle des alleinigen Herausgebers, Reporters, Fotograf, Layouters etc kann ich kaum mit einem wie auch immer gearteten Anspruch auf Aktualität mithalten. Ich hoffe, dass die eine oder andere Geschichte ausreichend nachhaltig und subaktuell ist.

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