Analogue Birds zwitschern, brummen, krachen an der Wasserburg Geretzhoven

„So lange der Atem reicht“

Wie ein Relikt aus grauer Vorzeit ruht das meterlange Didgeridoo von Tom Fronza in seiner Klangschale mit dem Tonabnehmer. Dahinter der Musiker selbst mit dem Mund am Horn, „so lange der Atem reicht“. Die Finger hat er auf den Tasten eines Midicontrollers und die Füße auf dem Steuerungsgerät für Looper und Sequencer am Boden. Ein Rechner dient zur Synthese aller Klänge. Panflöte, Maultrommel und eine elektronische Trommel wie ein Tabla ergänzen das Setup. Die Musik habe er zunächst als One-Man-Show einstudiert, verrät er später.

Ein ganzes Arsenal elektronischer Pedale und Regler für seine E-Gitarre findet sich zu Füßen des Gitarristen Alexander Lipan. Ab und an, immer, wenn es um Ethnoklänge geht, wie im Stück „Brainticket“, das Fronza schon mal „Döner Clavé“ oder „Baklava Beat“ nennt, nimmt der Gitarrist auch seine Oud, eine orientalische Kurzhalslaute, vor die Brust. An einem ganz normalen Schlagzeug, wie es scheint, spielt David Bruhn. 

Alexander Lipan

Das Trio aus Herford nennt sich „Analogue Birds“ und es sind analog erzeugte Klänge aus ihren Instrumenten, die sie als Ausgangsmaterial für die Schaltkreise ihrer Elektronik bis hin zu den digitalen Schleifen ihres Rechners verwenden. Als bunte Mischung zwischen „Funk, Jazz, Rock, Fusion und Ehtno“ bezeichnet Tom Fronza ihre Musik.

Sie erinnert an Jazzrock a la Miles Davis „Live Evil“ ebenso, wie an späteren Bristol „Trip Hop“ nach Art der Band Massive Attack. Da kündigt Fronza eine Hommage an den Break-Beat vergangener Tage an, mit dem Unterschied, dass die Beats aus einem echten Schlagzeug stammen, und eben nicht aus dem Sampler. Oder sie spielen in „Moondock“ einen „Duff Duff“, „so nennen die Australier lautmalerisch ihre Techno-Partys“, wie Fronza, der Jahre in Down Under lebte.

„Baklava Beat“ und „Duff Duff“

Die Rhythmen, garniert mit schweren Bässen aus dem Tasteninstrument unter Fronzas Fingern, animieren die Leute in zum Tanzen. Viele Songs hätten sich auch zum Chillen gut auf einer jener Goa-Partys gemacht, fällt Alyn auf, dem Gastgeber des Corona-Solidaritätskonzertes zugunsten der Musiker.

Analogue Birds aus Herford

Zwischendurch gibt Tom Fronza eine Einführung in das Spiel des Digeridoo. Da geht es um die Kunst verschmelzender Obertöne durch Lippenspannung, dem Einsatz der Stimme, percussive Trompetentöne, Zirkularatmung und sogar Beatboxing sowie Fingerstöße direkt aufs Rohr. 

Kurz vor der Schlussnummer geben die drei in „Aggro Agrar Agave“ richtig Gas. Zu einem treibenden, schnellen Tempo bieten die Vögel aus Herford alles auf, was sie aufzubieten haben. Da zwitschern sie ähnlich den Lauten eines putzigen Robot R2-D2, machen Töne, die an brummende Instrumentenkabel erinnern, Fiepen wie bei der Sendersuche an einem Dampfradio und klingen auch schon mal nach lautmalerisch rauschenden Flüssen.

Die Zuhörer bedanken sich mit viel Applaus für die feurige Musik und auch die Musiker freuen sich wieder einmal in „lächelnde Gesichter“ zu schauen.

Musikalische Kostproben im Netz gibt Tom Fronza hier weiter https://soundcloud.com/umlaut-recordings/sets/analogue-birds und hier https://analoguebirds.bandcamp.com/ und hier geht noch zur Homepage https://umlaut.de

Musik Böhmer and his „Concertina from Hell“

Stefan Böhmer singt gerne, vor allem aber spielt er Concertina

Concertina?

Eine Ziehharmonika eben, die per Balgenzug Luftströme über metallene Zungen leitet, ähnlich einem Akkordeon. Im Unterschied dazu spielt es aber durchgehend Einzeltöne an (Quelle: Wikipedia).

Böhmer hat intensiv nachgeforscht. „Ich spiele Concertina, um genau zu sein eine Maccann-Duett-Concertina, meine ist fast 100 Jahre alt und wurde 1916 in London von der Firma Wheatstone gebaut. Maccann-Concertinas sind recht selten, man schätzt, dass es ca. 200 aktive Spieler weltweit gibt.“

Und vielleicht noch seltener wird das zarte Folkinstrument elektrisch verstärkt in Kombination mit Zungenschnalzern und Fußbeats zu einem Looper gespielt, so wie Stefan Böhmer es gerne tut. Da entlockt er dem kleinen Teil große, orgelähnliche Klänge eben „from Hell“. Eingängige Songs aus Blues und Rock spielt er da, beispielsweise den Blues „Dust my Broom“, fast ebenso alt wie sein Instrument.

Stefan Böhmer

Und Böhmer hat schon 2017 eine eigene Scheibe aufgenommen, zugegeben so frisch ist sie nicht mehr. Nach guter alter Protestsong-Manier ist die CD mit dem Titel „Tax Evasion“ musikalisch ganz in Rock und Blues verwurzelt. Hier nimmt er die Steuerflucht großer Unternehmen ins Visier.

Es sind Titel wie „Goodbye Mr. Rich“, „Bankaccount in Switzerland“ oder „Delaware Loophole“, in denen er Steueroasen nachspürt. Dazu hat er ganz ordentlich nachrecherchiert wie beispielsweise Amazon, Apple, E.ON, Pepsi, Ikea, Starbucks, Google, Volkswagen und wie sie alle heißen Steuerzahlungen systematisch vermeiden.

Wo Stefan Böhmer demnächst doch auch live zu hören sein wird und die „Tax Evasion“ gibt es hier auf seiner Website www.musikboehmer.de und noch mehr Musik gibt es hier auf You Tube

Der „letzte Beatle“ zur Musik mit Aussicht

Der gemeinsame Nenner in der „musikalischen Sozialisation“

Hätten nicht alle gewusst, dass später auch noch Purple Schulz auf die Bühne kommen würde, so hätte es mit Songs von der LP „Rubber Soul“ wie „Norwegian Wood“ oder „Nowhere Man“ und Dieter Kirchenbauer an der akustischen Gitarre wie ein langer Abend am Lagerfeuer werden können.

Die vertrauten Akkorde klangen versöhnlich über die Tischgruppenverteilung nach Corona-Verordnung mit 200 Zuhörern am Elsdorfer Forum Terra Nova, am Rande des Tagebau Hambach. Und war auch an Singen und Tanzen nicht zu denken, so nutzte Kirchenbauer geschickt die Nischen, wie Rückwärtspfeifen, Summen, Klatschen und jene Form des Sitztanzens auf die Rheinländer sich sowieso verstehen, das Schunkeln auch im Dreiviertel-Takt.

„The last Beatle“ hatte Kirchenbauer das Konzert am Tagebaurand in Terra Nova getauft und er hatte Musiker aus seiner Hard Day‘s Night Band mitgebracht wie den Multiinstrumentalisten Stephan Böhmer, der den typischen Beatles-Bass dabei hatte, nämlich den Violinbass von Höfner, sein Saxophon, seine Concertina ließ er leider unbenutzt. Ein Wiedersehen gab es auch mit Schlagzeuger Vincenz Deckstein, der mit seinem Spiel eines ganz bestimmten Instrumentes, Kirchenbauers Frage nach dem „wichtigsten Instrument der 1960er Jahre“ beantworten konnte, dem Tamburin. Überall, wo es galt den Beat ganz nach vorne zu bringen, wurde es gebraucht: Day Tripper, Drive my Car, Ticket to Ride …. 

Tambourin Man

„Genau gesagt ist es bei Vincenz ein Schellenbaum“, so Kirchenbauer. Seinen Spitznamen zumindest für diesen Abend hatte Deckstein weg, er war der „Mr. Tambourin Man“. Kirchenbauer erweckte den frühen Gitarrensound der Beatles mit einer alten Rickenbacker, eine E-Gitarre, die im Spiel einige Macken offenbarte. „Eine typische ,Star Club‘-Gitarre, die ist noch ein bisschen launig“, kommentierte der Gitarrist. Titel wie „Lady Madonna“ und „While my Guitar“ spielte das Trio.

Beatles aus der Klangwerkstatt mit Dieter Kirchenbauer, Stefan Böhme und Vincenz Deckstein (v.Ln.r.).

Auf die Beatles als den gemeinsamen Nenner ihrer „musikalischen Sozialisation“ einigten sich dann auch Purple Schulz und Kirchenbauer. Vermisst habe er in letzter Zeit den Blick von der Bühne und „so viele Menschen lächeln zu sehen“, sagte Schulz. Für das Spiel im Duett mit Kirchenbauer hatte auch er „Lagerfeuermusik“ ausgegraben: „Let it be“ oder die Sean Connery Version von „In my Live“, zu hören im gleichnamigen Beatles-Album ohne Beatles, produziert von George Martin. Da entlockte Schulz seinem Keyboard spinettartige Klänge.

Überhaupt, welches war die erste Beatles LP von Purple Schulz? Naja, er habe zwei ältere Brüder, da habe er wohl die „Rubber Soul“ als erste gehört. „Ich hatte das rote zuerst. Ich dachte, die haben nur die zwei, das rote Album und das blaue“, gab Kirchenbauer zum Besten.

Biografisches

Aber Purple Schulz Auftritt am Rande des „großen Loches“ hatte nicht allein die Fab‘ Four im Blick. Er erzählte Biografisches. Er machte die Zuhörer vertraut mit seiner höchst katholischen Oma Gertrud aus Mönchengladbach, die ihm zur Kommunion „etwas großes Braunes“ hinter die Milchglasscheibe zum Wohnzimmer stellte. Das habe sich nicht, wie zunächst befürchtet, als eine „hölzerne Gebetsbank“ entpuppt, sondern als Klavier.

Purple Schulz

Und da sei seine erste Klavierlehrerin gewesen, Käthe Bauer am Gereonshof. Mit einem langen Lineal habe sie – patsch – die Finger ins Visier genommen, wenn sie eimal nicht ganz richtig auf den Tasten lagen. Aber Bach habe er bei ihr kennengelernt, der „Akkorde wohl direkt aus dem Himmel“ bezogen habe.

Und mit ähnlichen Akkorden ausgestattete Songs gab Purple Schulz zwischen „Across the Universe“ und „Long and Winding Road“ solo zum Besten. Es waren Oldtimer wie „Kleine Seen“ oder „Immer nur Leben“, oder „Gespräche mit Gott“ und sein Udo Jürgens Lieblingslied „Bis ans Ende meiner Lieder“: „Ich will den Text, der sich was traut, ich will das Wort so wie ein Schwert…“

Danksagung

Honorare

„Get Back“ von allen vier Musikern, ihre Danksagung für die „voll gedeckelten Honorare“ an die Elsdorfer Stadtverwaltung und Sponsoren und ein Ausblick auf die kommenden drei Sommerkonzerte, immer sonntags am Forum Terra Nova, rundeten den Konzertabend ab. 

Update 31. Juli 2020: Unterschriften für Galeria Karstadt Kaufhof Brühl

Noch kein endgültiges aus – Kündigungen sind ausgesprochen

Immer noch sammelt die Belegschaft der Brühler Niederlassung von Galeria Karstadt Kaufhof Unterschriften für den Erhalt der Filiale. Bis zu 15000 Unterschriften habe man bereits gesammelt hieß es zur Versammlung am Freitag. Immer noch sei nicht endgültig über die Schließung entschieden, teilten die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Silke Brück und Jörg Dahlem von der EDV des Hauses mit. In Verhandlungen mit einem niederländischen Investor gehe es immer noch darum die Miete für das Geschäftshaus zu drücken.

Alle Angestellten hätten ihre Kündigung erhalten, sagte Silke Brück. Zum 1. August trete der erste aus der Belegschaft eine neue Stelle an. Diesmal zierte das ehemalige grüne Kaufhof-Shirt die Schaufensterpuppen, die stellvertretend für die Angestellten deren Geschichten erzählen.

Sie sprechen von Träumen, Chancen, von einem seltenen Wir-Gefühl, aber auch von Trauer und Respektlosigkeit im Umgang mit ihnen, als den eigentlichen Verlierern.

Sie liefern elf Gründe für eine Unterschrift:

„Bei Galeria Karstadt Kaufhof hier in Brühl wurde mir die Chance gegeben, als junge Mutter wieder in meinen Job zurückzukehren. Schon während meiner Ausbildung habe ich davon geträumt, einmal für ein so großes Warenhaus Schaufenster zu dekorieren.

Jetzt, nachdem ich meinen Platz gefunden habe, soll schon wieder alles vorbei sein. Das kann nicht sein.“

LIsa R., seit Februar 2020 bei GKK Brühl

„Ich habe 1976 den Kaufhof mit aufgemacht und muss ihn jetzt mit schließen. Nach 44 Jahren, über die Hälfte meines Lebens für den Kaufhof gearbeitet und das gerne und nun in Arbeitslosigkeit!

So einen Abschied habe ich mit nicht erträumt, ich wollte eigentlich mit Würde gehen.“

Karl-Heinz Franke

„Ich bin durch viele Höhen und Tiefen im Haus gegangen und steckte oft in neuen Herausforderungen. Man meisterte sie nicht allein, sondern gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen. Ich bin mit Herzblut dabei und was momentan hier abläuft macht einen nur sprachlos. Wir sind Menschen mit Gefühlen und respektvoller Umgang sollte auf jeder Ebene bestehen.“

Janett M. 18 Jahre im Unternehmen, davon 17 Jahre Filiale Brühl

Silke B.

„Ich arbeite seit 34 Jahren mit Leib und Seele in der Filiale Brühl. Es macht mich unendlich traurig, dass das so zu Ende geht…“

Beatrix L

„Bin nun 30 Jahre im Betrieb und habe gerne hier gearbeitet. Wir sind hier wie eine Familie aber das, was jetzt mit uns gemacht wird ist respektlos.“

Fred J, Warenannahme

„Ich wohne in Brühl und arbeite seit 30 Jahren im Brühler Kaufhof. Das ist und war meine Leidenschaft. Ich arbeite sehr gerne hier. Unsere Kundschaft ist mir sehr wichtig. Das ist nicht nur ein Job, wie meine Familie. Als Alleinerziehende Mutter war der Kaufhof mein Rettungsboot. Ich sehr dankbar und stolz ein Teil dieses Unternehmens zu sein. Vielen Dank für ihre Unterstützung!“

Marika M., Mitarbeiterin Verkauf

„Ich war in meinen 18 Jahren im Kaufhof in vielen Filialen, aber nirgendwo war es wie hier in Brühl. Ich habe eine Familie und meine besten Freundinnen gefunden. Es ist unfassbar, dass mein Leben mit meiner Kaufhof-Familie so enden soll.“

Sandra L Erstkraft Verkauf. seit 2002 bei Kaufhof, seit Nov. 2016 in Brühl

„Ich bin Ansprechpartner für jeden Kunden und stehe immer gerne mit Rat und Tat zur Seite. Ich werde meine Kollegen vermissen, wenn ich entlassen worden bin!“

Sascha B., Einzelhandelskaufmann, seit 24 Jahren bei Galeria Karstadt Kaufhof

„Ich war glücklich nach einem Jahr Arbeitslosigkeit hier in der GKK Filiale Brühl einen neuen Job gefunden zu haben. Die Arbeit ist abwechslungsreich und macht Spaß. Ich habe super nette Kollegen. Da ich hier in Brühl wohne, bin ich auch schon seit vielen Jahren Kundin.

Ich kann nicht glauben, dass hier wirklich Schluss sein soll!“

Martina T. Visual Marketing, seit Januar 2020

Wir haben hier mehr Zeit verbracht, als zu Hause. Mit Herzblut und Leidenschaft haben wir die Energie und Arbeit hier eingebracht.

Und das ist der Dank?! Nur eine Nummer zu sein?

Malis P. Erstkraft Verkauf , seit 2001 bei Kaufhof

„RUMS.“

Warum ich den „Brief für Münster“ lese?

„RUMS.“ Landet schon wieder ein „Brief für Münster“ in meinem Postfach. Und auch der nächste wird kommen, soviel ist gewiss. Warum ich als gänzlich Ortsfremder den „RUMS.“ lese? Eine alte Freundin hat ihn empfohlen, ehemals Münsteranerin, sie lebt schon lange woanders.

Dabei nehme ich mir selten die Zeit, den Brief zur Gänze zu lesen. Ob vielleicht doch was dran ist, an der These, dass die Aufmerksamkeitsspanne in Zeiten digitaler Vernetzung immer kürzer wird, oder mit dem Alter? Meine knapp bemessene Lesezeit reicht immerhin aus, um mit dem Brief einen konzentrierten Einstieg in wesentliche Debatten zu nehmen, die diese Tage prägen.

Sei es nun ein Blick auf die Wiederöffnung der Schulen mit Katrin Jäger, auf den steigenden Gebrauch des Fahrrads – lag da nicht Münster schon immer vorn, die Rollenkonsolidierung während der Corona-Krise, beschrieben von Marina Weisband, die mutmasslichen Fälle von Kindesmissbrauch in der städtischen Verwaltung oder die Diskussion über Klimapläne der Bundesregierung mit Carla Reemtsma.

Oder so, wie erst gestern, die Diskussion um ein städtisches Denkmal, dem eine Gruppe der Black-Lives-Matter Bewegung einen blauen Anstrich verpasst hat. Dabei hilft Ralf Heimann mit einer minutiösen Analyse der Funktion von Erinnerungskultur individueller Meinungsbildung auf die Sprünge.

Exemplarisch brechen die Journalisten da globales Geschehen auf die Stadtebene runter. Genau so gut könnte sich das auch in Berlin, Bochum, Brühl oder Bergheim abspielen.

Als noch junges Startup für lokalen Journalismus im Netz hieß es zunächst „über Geld reden wir später“. Bald soll er kosten der Rundbrief, denn die Briefschreiber wollen ja auch von irgendwas leben. Ob ich den Brief dann abbestelle, weil ich ja doch nicht in Münster lebe?

Wird er mir ein Standardabo wert sein, das kaum über den Kosten zweier Eisbecher mittlerer Dimension liegt? Wie würdest Du liebe:r Leser:in entscheiden?

Zur Antwort bitte Kommentarfunktion nutzen!

Den Genderdoppelpunkt – ob ich ihn wohl richtig verwendet habe – habe ich mir jedenfalls auch schon mal abgeguckt. Und von wegen Bezahlung, überlege ich mir für Nahbesprechung.net auch noch was. Ich habe da schon eine Idee…

Hier geht es zu RUMS.

Immer noch recht frisch aus dem Presswerk: die Schallplatte „Sven at Sun“

Der Rockmusiker Sven Caßebaum feiert jetzt doch noch eine Vinyl-Release-Party

Frisch aus dem Presswerk kamen die Schallplatten bei Sven Caßebaum Anfang März an. Zu hören ist darauf „Sven at Sun“ das Solowerk des „5 vor 12“-Frontmannes. Das sei kurz vor „Corona“ gewesen, und mit dem Lockdown das einmal geplante baldige Release-Konzert in einem Kölner Kellerlokal auf einmal geplatzt, erinnert sich Caßebaum.

Bis dato seien Album-Releases der Rockband üblicherweise vor 450 Zuhörern im Kölner „Blue Shell“ gelaufen. Diesmal sei es ohnehin als eines der wenigen Konzerte in diesem Jahr, geplant gewesen, so Sven Caßebaum. Die Band habe sich nämlich nach einem Jahr mit vielen, vielen Liveauftritten und zur Genesung ihres erkrankten Gitarristen Heatty Mauss zu einem auftrittsfreien Jahr entschlossen. „Wir konnten ja nicht ahnen, dass sich daran die ganze Welt beteiligen würde“, schlägt Caßebaum einen lakonischen Tonfall an.

Ein lange gepflegtes Projekt hatte mit der Veröffentlichung der LP „Sven at Sun“ endlich einen Abschluss finden sollen, erzählt der Musiker in seinem Königsdorfer „Kingsville Studio“. Die Musik dazu hatte er auf seiner Suche nach den Wurzeln des King of Rock ,n‘ Roll im legendären Sun Studio in Memphis, Tennessee, aufgenommen.

Alle Fotos: Sven Caßebaum

„Wir konnten ja nicht ahnen, dass sich die ganze Welt an unserem auftrittsfreien Jahr beteiligen würde.“

Sven Caßebaum

Es waren „5 vor 12“- Songs, die er nur mit seiner Gitarre, seiner Gibson Jumbo und „mit etwas kühlem Bier und einer großen Portion warmer Südstaatenfreundlichkeit von Curry Weber und Ples Hampton“ in jene Mikrofone sang und spielte.

Mikrofone, mit denen einstmals sein großes Idol Elvis frühe Lieder aufgenommen hatte. Und dabei durfte er unter Anleitung der dortigen Tontechniker die alte 50er Jahre Röhrentechnik mit dem legendären Slapback-Echo ausprobieren. Jenem Hall, entwickelt vom „Memphis Recording Service“-Gründer Sam Phillips, der Elvis‘ Stimme einen unverwechselbaren Klang verlieh, einen Klang, der zum erklärten Markenzeichen des „Sun Sound“ wurde.

Eine Miniposterbeilage zur Schallplatte erklärt den legendären Klangeffekt.

Die heutigen Toningenieure Weber und Hampton pflegen dort nämlich noch den originalen Echo-Effekt, dessen Ursprung in einem Ampex 350 Tonbandgerät zu suchen ist. Bei der Tonaufnahme auf einem durchlaufenden Band entsteht durch den kleinen Abstand zwischen dem Aufnahme- und Wiedergabetonkopf ein verzögertes Signal, das dem ursprünglichen Aufnahmesignal unmittelbar wieder beigemischt wird. Den Abstand der Echowiederholung variierten die Techniker mit drei einstellbaren Bandgeschwindigkeiten: bei 15 Inch, also 38,1 Zentimetern Banddurchlauf die Sekunde waren es etwa 133 Millisekunden, bei 7,5 Inch, also 19 Zentimetern, 266 Millisekunden, bei kurzen 3,75 Inch, also 9,5 Zentimeter, schon etwa 533 Millisekunden.

Wie das genau funktioniert, hat Sven Caßebaum auf einem Miniposter mittels einer grafischen Abbildung einer Ampex-Bandmaschine in die Plattenhülle gelegt. Überhaupt hat die Schallplatte im Langspielplattenformat in ihren Falthüllen jenen luxuriösen Raum zu bieten, der sie zur Hochzeit des schwarzen Vinyls zum wahren Kunstobjekt hat werden lassen. Mit einem biografischen, atmosphärisch dichten Text und Fotos hat Cassebaum das Cover und die Innenhülle selbst gestaltet. Ein wahres Luxusobjekt im Zeitalter der digitalen Musikstreamingdienste, gerade weil sie nicht nur dieperfekten, vom deutschen Tonmeister Khalil Chahine abgemischten Aufnahmen bietet, sondern auch noch das Rohmaterial jeden Momentes des Caßebaumschen Aufenthaltes im Studio. Da kommen die Dialoge mit den Tontechnikern zu Gehör wie ein um ein Haar beschädigtes historisches Mikro oder die Suche nach dem wahrhaftigenElvis Standort im Aufnahmeraum. Da kommt viel von der altehrwürdigen Studio Atmosphäre rüber.

Eine Atmosphäre, der Fans jetzt doch noch mit Livemusik nachschnuppern dürfen. Für den Abend des 22. August hat sich Sven Caßebaum auf dem Achterdeck des Marienburger Bootshauses in Köln eingemietet. Landestypisch serviert die dortige Crew dann Whiskey und Burger. Sven Caßebaum spielt dann live nach allen Regeln der Corona-Schutzverordnung mit befreundeten Musikern in Duettbesetzung.

Dann zeigt Caßebaum auch die atmosphärisch dichte Filmdokumentation „Sven at Sun“. Denn wie er Gitarre spielt, so produziert er auch er seine eigenen cinematografischen Clips, diesmal großes Kino auf großer Leinwand. Darin erzählt er von seiner Reise nach Memphis, seiner frühkindlich geprägten Leidenschaft für Elvis und stellt seine neuen Freunde Curry und Ples vor.

Buchungen für die Vorstellung des Albums „Sven at Sun“ am 22. August auf dem Achterdeck seien wegen der Coronaschutzverordnung leider ein Muss, so Sven Caßebaum, er nehme sie auf der Bandwebsite entgegen: www.5vor12.net 

Glückliche Fügungen und wahre Freunde braucht das Bewässerungssystem im Schlosspark Türnich

Die Bäume atmen auf

Es ist eine Geschichte von Zufällen, Fügungen und vom unermüdlichen Einsatz eines treuen Freundes und Nachbarn, die Schlossherr Severin Hoensbroech hier erzählt. All das ermöglichte auf schnellstem Weg eine funktionierende Bewässerungsanlage im Türnicher Schlosspark.

Insgesamt vierzehn Großbäume seien im Park infolge der außergewöhnlichen Trockenheit der letzten zwei Sommer eingegangen, erläutert Severin Hoensbroech. Als erstes machten die Buchen schlapp, die Bäume „erstickten“ förmlich unter der Verdichtung mit trockener Erde, die ihre stark ausgeprägten Feinwurzeln in Mitleidenschaft zöge. Fachleute sprächen von „Komplexkrankheiten“, also einer Reihe von Pilzen, Viren, Schädlingen, die begünstigt durch die anhaltende Trockenheit, die Bäume zugrunde richteten.

Zum Glück für die historische Parkanlage, die sich zum Biotop mit Artenvielfalt und seltenen Spezies wie Schwarzspecht und Bechsteinfledermaus entwickelt habe, stelle sich dieser Sommer bislang nicht als der gefürchtete Dürresommer heraus, sagte Severin Hoensbroech.

Eine Bewässerungsanlage müsse her, um den Park vor weiterem Schaden zu bewahren, so habe er aber noch Anfang des Jahres auf dem schlosseigenen „You Tube“-Kanal gefordert, und um Hilfe gebeten. Bei einem Spaziergang dann mit seinem Vater, dem Grafen Godehard von und zu Hoensbroech, habe der ihn auf einen Markstein am Wegesrand aufmerksam gemacht.

Dürreperioden als Auswirkung des Klimawandels sah Graf Godehard von und zu Hoensbroech schon Mitte der 1980 Jahre voraus

Das sei eine der Markierungen zu Ein- und Auslässe eines Rohrsystems zur Bewässerung des Parkes, ein System, dass er schon Mitte der 1980er Jahre bei einer Umgestaltung des Parkes mit dem Landschaftsarchitekten Berthold Lenderz installiert habe, fiel dem Grafen plötzlich ein. Die Folgen des zu erwartenden Klimawandels mit seinen Dürreperioden habe man damals schon vorausgesehen.

Daraufhin habe er alte Aktenordner gewälzt und wirklich einen Plan zum Rohrsystem gefunden, erzählt Severin Hoensbroech. Schon der unbekannte Verfasser des Planes, „die Handschrift meines Vaters ist es nicht“, habe aber 1988, nur wenige Jahre nach dem Bau der Anlage, allerdings schon seine Schwierigkeiten notiert, die Anschlussstücke im Parkboden wiederzufinden. Und so sei es ihm auch ergangen. Da sei ihm ein Nachbar, ein treuer Freund der gräflichen Schlossanlage mit einem Metalldetektor zu Hilfe geeilt.

In vielen, vielen Stunden Suche habe er während des Corona Lockdowns alle zwei Ein- und 14 Ausgänge unter dicken Humusschichten der letzten 30 Jahre entdecken können.

Ein echter Freund des Parkdenkmals suchte viele Stunden mit dem Metalldetektor nach den Zapfstellen

Den ehrenamtlichen Einsatz des Nachbarn habe so etwas wie eine glückliche Fügung abgerundet, so Hoensbroech weiter. Bei einer Revision der Feuerlöscheinrichtungen im benachbarten Wohnpark sei nämlich ein Druckverstärker und viele hundert Meter so genannter C-Schläuche gegen Neues ausgetauscht worden, und das Alte dem Schlosspark vermacht worden, als Geschenk zur rechten Zeit.

Schläuche satt und der nötige Druckverstärker, um Wasser aus dem ungleich entfernteren Mühlbach zapfen zu können, statt aus dem ursprünglich dafür vorgesehenen nahen Schlossgraben, der sich mittlerweile als „zu verschlammt“ heraus stellte.

Das in den 1980er Jahren gebaute Rohrsystem habe sich zum Glück als dicht erwiesen. Mit Kupplungsstücken und Wasserwerfern, die er mit Hilfe des Fördervereins und einiger Spender dazu gekauft habe, habe man den Park im trockenen April für fast zwei Wochen bewässern können. „Der Effekt war zu spüren, es war wie ein Aufatmen der Vegetation“, beschreibt Severin Hoensbroech. Es tue gut, zu merken, dass es Leute gebe, „die den Schlosspark mögen, und sich für das Denkmal einsetzen“.

Jetzt hofft er auf die Gründung einer „ehrenamtlichen Truppe“, die die „Wasserspiele“ nach Bedarf „mit etwas Sachverstand“ aufbauen, und auf einen Sponsor, der einen Hänger spendiert, auf dem Pumpe, Druckverstärker und C-Rohre ihren festen Platz haben.

Livemusik, Lesungen, Lounge-Küche – doch noch ein Kultursommer in der Kreisstadt Bergheim

Auftakt mit Raphael Monsanto

Gitarren? Die kenne man heutzutage in der Musik doch gar nicht mehr, das sei doch „nur noch so ein Beep, Beep, Beep und tausend Hi-Hats die Minute“, macht sich Raphael Monsanto über so manche zeitgenössische Musikproduktion lustig. Seine Gitarre, eine Akustische mit elektrischem Pickup, hat der Mann aus Curacao an diesem Abend zum Open-Air Auftritt vor der Medio Lounge mitgebracht.

Auch wenn er sich bei seinen Zuhörern beschwert, alles sei ein wenig in den letzten auftrittsfreien Monaten eingerostet, weiß er die Gitarre zu bedienen. Zum einen als Schlaggitarre für mehr oder weniger exotische und schnelle Rhythmen und als eine, die er in Solopassagen mittels Effektgerät wie eine elektrische klingen lässt, mit gezogenen Saiten und schnellen Riffs in den hohen Registern und sonstigen Schikanen.

Vor allem ist die Gitarre tonangebend für seinen Looper, ergänzt von einem digitalen Schlagzeug. Da taucht die Gitarre bisweilen als Bass mit pluckernden Riffs in den tiefen Saiten auf.

Raphael Monsanto

Die Zuhörer erleben wie Raphael Monsanto jeden seiner Songs erst einmal aufbaut, Sequenz für Sequenz in den Looper speist. Spätesten wenn er die ganze Band, die komplette Rhythm- Machine, buchstäblich im Kasten hat, setzt er seine Stimme drauf, wenn er nicht zwischendurch mit seinem Publikum längst schon Scherze macht. Dann sorgt er mit „Heaven“, „Bailando“ und „La Camisa Negra“ für Stimmung. Er singt leidenschaftlich Dylans „Knocking on Heavens Door“, schmettert Johannes Oerdings „An guten Tagen“ oder blödelt aus dem Stegreif über die „Frau, die immer lacht“.

Wolfgang Härtel, Initiator der Bergheimer Jamsession, ist heute als Zuhörer gekommen. Er habe Monsanto bei einem seiner ersten Auftritte in der Jamsession erlebt. Dort, wo Musiker gerne Blues und Rock und das gerne laut spielten, habe Monsanto ihn beeindruckt weil er an seiner Gitarre den „Lautstärkeregler im Griff hat“.

Andere haben ihn letztes Jahr noch bei der Bedburger Musikmeile gesehen, da heizte er kurz vor Mitternacht mit Rhythmen vielen Tänzerinnen und Tänzern ein, dicht an dicht vor der Bühne.

Am Samstag hielten sich alle an das Tanzverbot, blieben an zugewiesenen Tischen sitzen, an denen „Medio Lounge“ Inhaber Uwe Schnorrenberg persönlich die Gäste platzierte. Monsanto griff das Thema ein wenig komödiantisch auf, machte es von der Bühnenkante vor. Zeigte wie das geht: Tanzen ohne aufzustehen, eben im Sitzen.

„Es ist schade, dass wir nicht vor die Bühne gehen können“, bedauerte Ute Klein, andererseits sei sie „total happy“, dass es „mit öffentlichen Auftritten überhaupt wieder los geht“.

Monsanto Fans: Oliver und Ute Klein

Dass es wieder los geht in der Kreisstadt, dafür sorgt bis Ende Juli noch Lounge-Chef Uwe Schnorrenberg mit freundlicher Unterstützung der Kreisstadt, eines zahlungskräftigen Sponsors und Dieter Kirchenbauer als musikalischen Berater. Zum „Kultursommer in der Bergheimer City“ nach aktuellen Vorgaben der Coronaschutzverordnung lädt Schnorrenberg ein.

Mit Livemusik an den Wochenenden, Lesungen des Autorenkreises der Stadtbibliothek oder mit Burghardt Thom zum Thema „Hunde“, mit Spielenachmittagen zusammen mit dem Stadtbibliotheksteam an jedem Mittwoch und kulinarischen Abenden mit Speisen aus der Medio-Lounge Küche. „So manch einer der Gäste lernt dabei unser Lokal kennen“, freut sich Uwe Schnorrenberg.

„vorher/ nachher“ – der Fotograf Hubert Perschke dokumentierte den Wandel im rheinischen Umsiedlungsort Manheim

Bilder machen, um den Verlust der Heimat emotional zu erfassen

Eine der Bildtafeln für eine neue Ausstellung des Fotografen Hubert Perschke zeigt buchstäblich „eine Ecke“ aus dem Umsiedlungsort Manheim. Zwei Fotos geben links den Blick frei in die Berrenrather Straße, rechts in die Bennenwinkelstraße. Das eine Bildpaar stammt aus dem Jahr 2012, das andere aus dem Herbst 2019. Was ihn damals, 2012, eigentlich bewegt habe, mit zwei Bildern eine Art 90 Grad Panorama zu fotografieren, wisse er nicht mehr, ein Zufall, sagt Perschke. Damals sei er für sein Buch „Unser Manheim“ unterwegs gewesen, habe Straßen, Häuser und Menschen fotografiert, ein Buch, dessen lebendige Schilderung Manheimer Lebens bei den Bewohnern heiß begehrt gewesen sei. Nur wenige, der damals in Eigenregie gedruckten Exemplare, habe er noch übrig.

Den Ort, wo die zwei Bilder Bennenwinkel/ Berrendorfer Straße entstanden, habe er im Herbst 2019 vor allem am Pfosten des Straßenschildes identifizieren können, um das herum sich die Bilder zu spiegeln scheinen, schildert Hubert Perschke. Die zwei neuen Fotos zeigten die gleiche Perspektive mit gleicher Brennweite und aus der für den Fotografen typischen Stativhöhe.

Später erst, bei der Bearbeitung der neuen Bilder am Rechner, habe er sich zur „vorher/nachher“-Fotografie auch anderer Motive entschieden. Viele tausend Aufnahmen seines Archives aus dem Jahr 2012/ 13 schaute sich Perschke noch einmal an. Immer im Hinblick auf die genaue Wiederauffindbarkeit des Kamerastandortes, immer auf der Suche nach markanten Orientierungspunkten in der Landschaft wie die Kirche oder verschwiegeneren Gegenständen, wie Hinweisschilder auf Wasser- oder Gasrohre. Ganz bewusst habe er sich für den Herbst als Aufnahmezeitpunkt entschieden, um die Tristesse des Ortes zu unterstreichen, bei überwiegend bedecktem Himmel habe er versucht mehr „Präsenz im Detail“ herauszuarbeiten.

Dabei habe er sich im heutigen, vor allem durch Brachen geprägten Ortsbild völlig neu orientieren müssen, habe zum Teil bei der Spurensuche alte Straßenkarten gewälzt.

Es ist eine Spurensuche, auf die sich auch die Betrachter der Fotos einlassen. Beim Anschauen begibt sich der Zuschauer unwillkürlich ähnlich wie der Fotograf wie in einem Suchbild noch einmal auf Spurensuche und eine emotionale Entdeckungsreise. 

Hubert Perschke
Hier geht es zum Baumportrait-Projekt von Hubert Perschke.

„Ich hatte niemals vor das kaputte Manheim zu fotografieren.“

Fotograf Hubert Perschke

„Ich hatte niemals vor das kaputte Manheim zu fotografieren“, sagt der Fotograf Hubert Perschke. „Ich habe eigentlich vor gehabt, den Ort, so in Erinnerung zu behalten, wie ich ihn 2012 gesehen habe.“ Jetzt versuche er doch den Verlust durch seine Bilder emotional zu erfassen.

Am intensivsten habe ihn der Anblick des zerstörten Schwimmbades berührt, auch hier fotografierte Perschke, diesmal ohne vergleichbare Vorlage aus alten Tagen. Im kleinen Hallenbad, hätten seine Kinder in den 1970er Jahren Schwimmen gelernt, nebenan in der Turnhalle habe er als Buirer selbst Sport getrieben. Dort habe auch der Manheimer Judoverein trainiert, der damals überregional Beachtung gefunden habe.

Viele Bewohner Manheims empfänden den Verlust der Heimat noch intensiver, sagt Perschke: „Ich habe Menschen am Loch stehen sehen, die geheult haben.“ Bezeichnend sei die Wut vieler gewesen, als 2018 plötzlich Waldbesetzer ihre Häuser reaktiviert hatten. Und Hubert Perschke findet auch die danach aufflammende Forderung der Manheimer nach einem möglichst schnellen Abriss verständlich: „Wenn die Häuser weg sind, müssen sie sich damit nicht mehr auseinandersetzen.“

Mit einem hohen Interesse der Manheimer an seiner derzeitigen Arbeit rechnet er diesmal allerdings nicht. Anders als zur Veröffentlichung des Buches „Unser Manheim“ und der viel beachteten Ausstellung, die Perschke auch im Foyer des Düsseldorfer Landtags zeigte hätten viele Manheimer heute mit dem Kapitel abgeschlossen. Das ästhetische Abenteuer des „vorher/ nachher“-Projektes stehe bei ihm im Vordergrund, auch wenn er zu einer kritischen Betrachtung der Frage einlade, ob der Abriss des Ortes heute noch nötig gewesen sei.

Ob Hubert Perschke wohl auch Manheim-neu fotografieren würde? „Wenn ich es von vornherein ausschließen würde, hätte ich ein Vorurteil.“, sagt er. Und wirke Neu-Manheim auf ihn auch so wie jedes andere beliebige Neubaugebiet, so kenne er immerhin Menschen, die versuchten beispielsweise bei der Gartengestaltung an den alten Ort anzuknüpfen. 

Freier Fall in Espresso-Variante

192 Treppenstufen geht es zunächst nach oben. Danach ist er für die einen viel zu kurz, anderen kommt er als schneller Adrenalinanschub gerade recht: der freie Fall an der Seilspule aus rund 50 Metern Höhe, entlang der Fassade des Brühler Kletterturms „Via Ferrata“. Vielleicht könnte man den Fall vom alten Kornsilo als die Espresso-Variante des Bungee-Jumping bezeichnen, übrigens ganz ohne Rebound, also den Rückzug des Bungee-Seiles.

Zur Eröffnung stürzen sich einige hinunter. Günter Wagner wäre gerne länger gefallen. Emily Miller liebte die Kürze, ein „flüchtiger Moment nur – für mich gerade richtig“. Auch der stellvertretende Bürgermeister Robert Saß stürzte sich nach der Eröffnung des Skyfalls in die Tiefe.

Die Inhabern des Kletterturms „Via Ferrata“, Raimund Bechtloff und Achim Heymann, treiben den Adrenalinpegel nicht nur mit dem Skyfall in die Höhe. Mutige können die Fassade, gut gesichert, im rechten Winkel herunterschreiten oder -hüpfen, oder im Klettersteig das „alpine Gefühl einer Steilwand“ genießen.

Der Skyfall Brühl mitten im Herzen des Naturpark Rheinlands schaffe vor der eigenen Haustür im Abenteuertourismus als erstes Freifallerlebnis in NRW ein Alleinstellungsmerkmal, waren sich Robert Saß und der Kultur- und Tourismusleiter, Oliver Mülhens, einig.

Und auch die Mitglieder des Verein „21 x 3 Brühl e. V. freuten sich. Erst 2014 gegründet, sei die Selbsthilfegruppe zur Anlaufstelle für 30 betroffene Familien mit Kindern geworden, die vom „Down Syndrom“ betroffen seien, erläuterte ihr Vorsitzender Fritz Wittig. Am Abend habe der Verein 725,- Euro Spenden sammeln können, so Wittig am Sonntag, denn der Sprung am Eröffnungsabend blieb kostenfrei, die Veranstalter baten statt dessen um Unterstützung des Vereins.