„Sweet William“ – eine Erinnerung an Oliver Heuer

Erst in den letzten Jahren war Oliver Heuer nach vielen Konzerten vor allem in Frankreich, eigentlich dort wieder angekommen, wo alles angefangen hatte, bei Auftritten mit Freunden in einem Kerpener Stadtteil. Ich habe ihn im Mai 2016 in seinem Sindorfer Zuhause besucht, kurz vor seinen Heimspielen in der Christuskirche. Ich brachte ihm eine Null-Ausgabe des „Kitzler“ mit. Wer erinnert sich noch an dieses Magazin mit Biss für den Erftkreis jener 1980er Jahre? Genau genommen gab es zwei Ausgaben. In dieser ersten, mit dem auf Socken tanzenden Hans Barz auf dem Titelbild, war eine Besprechung eines Auftritts mit Sweet William abgedruckt, noch in der Schulmensa des Tagesheimgymnasiums Kerpen.

2016 schenkte er mir seine damals letzte CD und lud mich zu seinen nächsten Konzerten ein. Es ist mir immer etwas dazwischen gekommen, was wichtiger erschien. Und ich dachte, es bleibt noch viel Zeit, mir seine Musik live anzuhören. Am 11. Dezember 2019 ist er für alle völlig überraschend gestorben. Auch das erfuhr ich erst spät. Sie habe ihn tot auf dem Sofa liegend gefunden, als sie nachmittags von der Arbeit nach Hause gekommen sei, erinnert sich seine Frau Birgit Barrero. Am Tag zuvor hätten sie noch ein Krankenhaus aufgesucht, weil Oliver sich schwach gefühlt habe, man habe sie nach Hause geschickt. Hier krame ich zur Erinnerung noch einmal den Text von damals raus.

Was braucht Musik eigentlich, um die Hörer zu berühren?

Was braucht Musik eigentlich, um die Hörer zu berühren? Der Kopf der 1986 gegründeten Band „Sweet William“, Oliver Heuer, ergründet diese Frage seit nunmehr 30 Jahren. Der Weg zu seiner Küche führt im Anbau an ein Fachwerkhaus im alten Ortskern Sindorfs durch Räume, die voll sind mit Gitarren, Bässen, Schlagzeug, Mischpulten, Mikrophonen, Rechnern und Regalen, voll mit Schallplatten und CD’s. In diesem Archiv findet sich auch die Single mit dem A-Titel „From the Underworld“ der Band „The Herd“ wieder. Auf der B-Seite ist das Lied „Sweet William“ zu hören, das der Band den Namen gab.

B-Seite: „Sweet Wiliam“

Er trenne Alltag und Musik nicht voneinander, sagt Oliver Heuer. Ständig sei er auf der Suche nach neuen Klängen und Ideen. An Bass, Gitarre oder Synthesizer „spiele“ er oft bis in den frühen Morgen „’rum, bis sich was entwickelt“ und er die Aufnahmetaste drücken könne. Zu seinen schönsten Momenten zähle der Zeitpunkt, wenn er nach Aufnahmen vieler Spuren im digitalen Mischpult, eine nach der anderen zu löschen beginne, bis „die Musik beginnt zu atmen“ oder sie als „kaputt gefrickelt“ im Ordner „Giftschrank“ lande.

Die Beschränkung auf das Wesentliche habe er wahrscheinlich dem analogen Vierspurbandgerät zu verdanken, das er als ständiger Begleiter in den 1990 Jahren als Notizbuch für musikalische Ideen ständig mit sich herumgetragen habe. „Spätestens bei der fünften Spur, die ich aufnehmen wollte, musste ich mich entscheiden. Welche überspiele ich jetzt?“, sagt Heuer.

Kein Jubiläumsmensch

Dreißig Jahre „Sweet William“, eigentlich ein Grund zu feiern, nur ein „Jubiläumsmensch“ sei er so gar nicht, zeigt sich Oliver Heuer verlegen. Dennoch, Anfang des Jahres habe er ein paar alte Tapes aus den ersten Jahren ausgegraben und sie zusammen mit Marius Nagel so aufgenommen wie sie auch früher live geklungen haben mögen, nur Gitarre, Schlagzeug, Stimme – „sehr rau, sehr schön“.

…sehr rauh, sehr schön!

Früher, das war zunächst in Sindorf, wenig später im Probenkeller des Tagesheimgymnasium Kerpen, mit Nagel am Schlagzeug, Bodo Rosner am Bass, „er hat ihn bekommen, weil keiner den Bass wollte“, und er selbst am Mikrofon. „Drei Leute machen Musik und keiner kann ein Instrument spielen. So manches Stück bestand aus zwei Akkorden. Später als mir Marius auf der Gitarre die klassische Einfingermethode beibrachte, war ich froh, wenn ich mit dem Bass die gleiche Note getroffen habe“, erinnert sich Heuer an die Gründungszeit.

Als damals 17-jähriger sang er schon mit seiner dunklen und immer etwas düster klingenden Stimme, die ihm schnell den Ruf des „Grufties“ einbrachte. Aber er scheue sich vor allzu schnellem Umgang mit den Etiketten der Musikindustrie, sehe die Band vielmehr in der Tradition der 1980er Jahre, des New Wave und späteren Dark Wave. Da fallen einem Vertreter wie „Joy Division“, „The Cure“ oder die frühe Anne Clark ein.


„Random Contact“

Material für eine letzte CD, die Oliver Heuer eigentlich im Februar diesen Jahres schon veröffentlichen wollte, haben Birgit Barrero und die Kinder vorbereitet. Erhältlich wird sie über Oliver Heuers eigenes Label Datakill und dessen Website sein: www.sweetwilliam.de

Außerdem gibt es hier eine Tribute-CD: „Out of Sight“


Label-Erfahrungen

Den Traum, einmal Musiker zu werden, erfüllte sich Oliver Heuer mit „Sweet William“. Schon 1990 habe die kleine Band, einen Vertrag bei einem Kölner Indie-Label bekommen, dann ein Jahrzehnt mit Konzert-Tourneen in ganz Europa erlebt. Die Band habe kommerzielle Erfolge gefeiert, 10000 verkaufte Exemplare der Vinyl-LP „These Monologues“, „ein düsteres Album“, Geld aus GEMA-Einnahmen sei geflossen. Dann sei es stiller geworden um „Sweet William“, ein Plattenvertrag mit einem Nürnberger Label habe die Band nach einem Rough-Mix für das Album „Show“ schachmatt gesetzt. Mit dem Satz „Diese Platte passt nicht in unser musikalisches Konzept“ sei die Band Ende der 1990er Jahre wie vom Erdboden verschluckt, kaum noch Auftritte, kein neues Album für fast zwei Jahre.

Nach Ablauf des Vertrages habe doch noch Wolfgang Schreck und sein Big Noise Records, ein Dachzimmerlabel aus Ehrenfeld, die Platte produziert, die immerhin Platz 13 der alternativen Charts erreichte. Schreck sei wie viele kleine Labels in einem ansonsten boomenden Internet-Musikmarkt Pleite gegangen, wieder habe „Sweet William“ ohne Label schwere Zeiten erlebt.

Plakat zum Auftritt im Pariser „Le Klub“.

Eigenvertrieb

Heuer nahm Produktion und Vermarktung über eine Website http://www.sweetwilliam.de selbst in die Hand. Das Tonstudio, heute Instrument und Spielwiese im eigenen Haus, sei in der Wohngemeinschaft nebenan improvisiert worden. Die Instrumente im Treppenhaus, die Kabel hinauf zu seinem Zimmer im Dachgeschoss, „niemand durfte sich bewegen“. Dann seien die Kinder Leslie und Marlon gekommen, „die Zeit raste dahin“. Auch wenn er jetzt Geld als Veranstaltungstechniker verdient habe, es sei „eine elementare Sache“ geblieben, Musik zu machen.

D-monic

Seit 2009 gibt es mit D-Monic wieder ein Label, das sich um Herstellung, Presse und Vertrieb kümmert. Online habe ihn der Franzose Laurent Le Fers wiederentdeckt, ihm bekannt nach früheren Festival-Auftritten in Südfrankreich. Neue Fans findet „Sweet William“ so heute vor allem in Frankreich. Und alte Fans schrieben E-Mails mit dem Inhalt „Ach, es gibt euch immer noch?“

Nachdem 2013, gleich nach der CD-Präsentation zu „Ocean“ im Pariser „Le Klub“, Bassist Frank Breuer nach 20 Jahren aus persönlichen Gründen die Band verlassen habe, sei viel passiert, sagt Heuer. In einem Konzert nur mit akustischen Instrumenten anlässlich des Geburtstags von Laurent Le Fers habe er die Gesellschaft für eine Stunde mit seiner Musik berühren können, „eine der schönsten Momente überhaupt“.

Auftritt in der Christuskirche, Juni 2016. Foto: Jazz and Rockstage Sindorf e. V.

Kirchenauftritte

Zum Spiel mit akustischen Instrumenten seien jetzt alte Weggefährten zur Band gestoßen, Mitbegründer Marius Nagel und der Sindorfer Gitarrist Thomas Lämmle. Die Quinten, Quarten und Terzen, von denen Lämmle rede, seien für ihn wie böhmische Dörfer, gibt Heuer gerne zu. Dafür rate er ihm die Töne „mal liegen“ oder „Stille entstehen zu lassen“. „Weniger ist mehr“, ist Heuer überzeugt. Ergänzt vom Geiger Otavio Colella, natürlich Marius Nagel an Instrumenten wie einer Organetta, die Tischorgel, einer Cajon, die Sitztrommel, aber auch einem Korg-Synthesizer zeigt sich Sweet William wie neu erfunden am 11. Juni zur „Rockkirche“, einer Reihe der evangelischen Kirchengemeinde in der Christuskirche.

„Eine Gänsehaut“, eben Musik, die einen im Nerv packe, versprach Heuer damals den Zuhörern zu diesem Heimauftritt. 

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