Auf den Spuren jüdischen Lebens

Ein Spaziergang mit Josef Wißkirchen in Pulheim-Stommeln

Ein wenig Fantasie mussten die rund 20 Neugierigen schon mitbringen, die sich mit Josef Wißkirchen an einem sommerlichen Sonntagnachmittag auf Spurensuche nach ehemals jüdischem Leben im Ort Stommeln machten. Da sind die Stallungen des Landhandels von Josef und Johanna Heidt im Berlich längst einem mehrgeschossigen Wohnhaus gewichen. Man muss sich die Schmierereien an der Fassade vorstellen, die ihr Sohn Julius und dessen Frau Elisabeth brandmarkten: „Hier wohnt ein Jude mit seiner Hure“.

Dabei sei Julius Heidt wegen der Heirat des katholischen Mädchens aus Pulheim konvertiert, erzählt Wißkirchen. 1937 sei die Familie wegen anhaltender Schmähungen nach Köln gezogen. Heidt habe den Naziterror in einem Versteck in Köln-Braunsfeld überlebt. Er wurde 1946 der erste Bürgermeister Pulheims, als CDU-Mitglied.

Die Wut der örtlichen Nazis auf das jüdisch-katholische Paar sei noch am schwer beschädigten Grabstein der Eltern auf dem örtlichen Judenfriedhof abzulesen, wo Wißkirchen die Spaziergänger später hinführte. Da ging es um viele Gemeinsamkeiten und Parallelen zwischen Juden und Christen. 

Schwer beschädigt: der Grabstein der Familie Heidt.

Das Mädchen Ilse Moses

An seinem schier unerschöpflichen Wissen um die Schicksale jüdischer Familien aus Stommeln ließ der ehemalige Geschichtslehrer und Autor zahlreicher Bücher über das Judentum teilhaben. Er erzählte vom Leben des geistig behinderten Mädchens Ilse Moses, das der Vater Ernst Moses, Viehhändler aus dem Eckhaus Nettegasse, bei der Emigration 1937 in die USA habe zurücklassen müssen.

Ein Foto von Ilse Moses.

Die deutschen Behörden hätten der Tochter das nötige Gesundheitszeugnis für die Ausreise verweigert. Sie sei zunächst bei Opa Carl Moses geblieben. Dann habe sich dessen Schwester Johanna Moses um sie gekümmert, die einen kleinen Gemüseladen in der Straße Auf dem Katzenberg betrieben habe. Und zuletzt habe sie so etwas wie ein Familienleben bei ihrer Tante Anna Katz und ihrer etwa gleichaltrigen Tochter Hella in Köln erlebt. Ihr Name tauche in der Sondergruppe jüdischer Kinder imBehindertenkrankenhaus der Elisabethschwestern in Essen-Steele auf, das man damals noch als „Irrenanstalt“ bezeichnet habe.

Nichtsdestoweniger habe das Krankenhaus und Zufluchtsort für 1200 Kinder einen guten Ruf genossen. Für die jüdischen Kinder hätten die Nonnen eine Sondergruppe eingerichtet. In ihren Privaträumen hätten die Nonnen die jüdischen Kinder untergebracht, wahrscheinlich um sie bei gelegentlichen Besuchen der Gestapo in Vorbereitung der sogenannten Euthanasieprogramme zu schützen, weiß Wißkirchen.

Dennoch, zuletzt sei Ilse Moses Name auf der Liste derer zu finden gewesen, die am 7. Dezember 1941 ins Ghetto nach Riga deportiert worden seien. Ob die Zwölfjährige überhaupt die Kälte der viertägigen Zugfahrt und den anschließenden Fußmarsch ins Lager überlebt habe, sei fraglich.

Um die Kölner Juden im Ghetto in der überfüllten Innenstadt überhaupt aufnehmen zu können, habe die Gestapo unter bereits dort untergebrachten Juden ein Blutbad angerichtet, so Wißkirchen. Eine Überlebende habe von gefrorenen Blutlachen in den Straßen und verlassenen Speisen in den Küchen erzählt.

Sophia Ehrlich aus dem „braunen Haus“

Wißkirchen erzählte von Sophia Ehrlich aus dem als „braunes Haus“ bekannten Wohnhaus in der Venloer Straße. Noch heute strahlt das Haus mit seinen gelb- und rotbraunen Backsteinen viel von der Atmosphäre der damaligen Tage aus.

Die 98-jährige sei nur zehn Tage nach der Pogromnacht der Nazis in einem jüdischen Krankenhaus gestorben, erzählt Josef Wißkirchen. Ein Zufall? Der Todesschein stelle jedenfalls keinen unmittelbaren Zusammenhang her, verzeichne einen Oberschenkelhalsbruch und eine Herzschwäche. Es bleibe ein ungutes Gefühl.

Das „braune Haus“ in der Venloer Straße, in dem Sophia Ehrlich lebte.

Die Geschwister Änne und Georg Heymann

Auch Geschichten des Widerstandes hat Wißkirchen dokumentiert, beispielsweise der Geschwister Heymann, die in einem Haus am heutigen Josef-Gladbach-Platz lebten. Änne Heymann habe sich der zionistischen Bewegung angeschlossen. Einmal nach Haifa entkommen, sei sie sich der paramilitärischen Gruppierung der Hagana beigetreten. Später in der israelischen Armee habe sie es bis zum Colonel gebracht. Ihr Bruder Georg Heymann sei im kommunistischen Widerstand tätig gewesen, wegen Hochverrat im Gefängnis gewesen, bei dortigen Verhörmethoden, habe er ein Auge verloren. Dennoch kolportierten Erzählungen, er sei später als Kopilot im Krieg gegen Nazideutschland bei der Royal Air Force mitgeflogen. Als gesichert gelte, er habe im Bodenpersonal gearbeitet.

Um kommunistischen Widerstand im Nationalsozialismus geht es in Josef Wißkirchens Buch „Verlorene Freiheit“. 

Familie Lilli und Ernst Herz 

Gut belegt sei auch das Schicksal der Familie Lilli und Ernst Herz, die bis 1936 im Backsteinhaus an der Venloer Straße 567 lebten. Noch im ersten Weltkrieg habe sich der erst 17-jährige Siegfried freiwillig an die Front gemeldet und sei bald gefallen. Sein Einsatz und vieler anderer jüdischer Soldaten habe nichts mehr am Antisemitismus im damaligen Reichsdeutschland ändern können, als „Drückeberger“ hätten sie für den verlorenen Krieg als Sündenböcke herhalten müssen, sagte Wißkirchen. Dabei seien allein aus Stommeln drei jüdische Soldaten gefallen.

Die Anstrengungen der Juden Ende des 18. Jahrhunderts, sich in deutschem Leben zu assimilieren und die Gleichstellung mit Deutschen in der Verfassung von 1871 hätten am neuerlichen Aufkeimen des Judenhasses nichts mehr ändern können, die zunächst in der Ermordung von Walther Rathenau gipfelte, so Wißmann. Selbst der angesehene Historiker Georg Hermann habe sich zu dem Satz verstiegen: „Die Juden sind unser Unglück.

Für eine Schiffspassage fehlte Geld

Warum Familien wie die Herz nicht rechtzeitig das Land verlassen haben? Dazu habe es einer Bürgschaft eines US-Amerikaners bedurft, der entweder für die achtköpfige Familie haftete und eine gewisse Menge Bargeld. Eine Schiffspassage in die USA habe pro Person 500 Dollar gekostet. Familie Herz habe beides nicht gehabt, weder amerikanische Freunde noch Geld.

Das einst florierende Geschäft des Viehhändlers sei durch staatliche Gebote wie nicht bei Juden einzukaufen und den Entzug des Führerscheines, der alle Juden betraf, pleite gegangen. Ernst Herz sei arbeitslos gewesen. Ein Bittstellerbrief von Lilli Herz an einen befreundeten Juden aus Rommerskirchen, der selbst nicht viel gehabt habe, zeuge von dem vergeblichen Versuch, Geld für die Passage aufzutreiben.

Die KZ-Überlebenden Karl Otto und Rudy Herz

Von den verbliebenen Kindern der Familie Herz hätten nur die Brüder Karl Otto und Rudy das Konzentrationslager und Zwangsarbeit unter Tage schwer krank überlebt. Die Mutter sei zusammen mit ihren drei jüngsten Kindern, darunter der erst eineinhalb Jahre alte Jona, in einer Auschwitzer Gaskammer ermordet worden. Die Spur des Vaters verliere sich im Auschwitzer Arbeitslager Blechhammer.

Mit Rudy Herz, der zuletzt 2011 Stommeln besuchte, sei er bis zu seinem Tod durch eine Fischvergiftung im Jahr 2011 gut befreundet gewesen. Aus zahlreichen Gesprächen habe er dessen Biografie geschrieben.

Auch die hier erwähnten Familiendokumentationen wird man bald im Detail nachlesen können. Das Script für das Buch „Auf jüdischen Spuren in Pulheim-Stommeln“ habe er schon fertiggestellt, sagt Wißkirchen. Nächstes Jahr will er es veröffentlichen. 

Zur Person Josef Wißkirchen:

Josef Wißkirchen auf dem Stommelner Judenfriedhof.

1966 zog der Geschichtslehrer Josef Wißkirchen nach Stommeln und bald schon vertiefte er sich in die Vergangenheit des Ortes und jüdischer Schicksale. Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte der Verein für Geschichte in Pulheim die zwei Bände „Juden in Stommeln“ mit vielen Beiträgen ihres Vorsitzenden. Der Verein initiierte die Restaurierung der Synagoge in Stommeln, die die Nazis als Schafstall nutzten und die Errichtung der Brauweiler Gedenkstätte.

Josef Wißkirchen arbeitet als Geschichtsforscher mit Erzählungen Betroffener und ihrer Nachfahren. Er erforscht Quellen wie Standesregister, den internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes, sieht Deportationslisten ein, von denen viele Online zu finden sind oder stattet dem Berliner Bundesamt für zentrale Dienste und Vermögensfragen einen Besuch ab. Eine „zentrale Fundgrube“, oft Handschriften, die es zu erkunden gebe, sagt er. Hier gehe es ihm auch darum, Licht in die repressiven Vermögensregelungen für jüdische Familien in Nazideutschland zu bringen.

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