Braunkohletrio: Sophienhöhe – Rehe nur aus der Ferne gesehen

Ein Ausflug mit der Forschungsstelle Rekultivierung

Ein rundes Dutzend Menschen ist an diesem warmen Abend, Ende Juli, zum Wanderparkplatz an der Sophienhöhe gekommen. Sie wollen alle einmal Rehe „live“ sehen. Zur Exkursion haben Melanie Gutmann und Gianna Krauß von der RWE-Forschungsstelle Rekultivierung eingeladen.

Durfte man den Weg rauf auf die Sophienhöhe noch vernehmlich schnaufen, mit den Sohlen bequem über den Kies schlurfen oder laut scherzen, so gebietet Melanie Gutmann auf den letzten paar hundert Metern zum Wildbeobachtungsposten die „lautlose Pirsch“.

Nur, wie macht man das? Uns Wohlstandsmenschen mit teils vom Lockdown bedingten Übergewicht gesegnet, bietet sie dazu ein Bild zur Nachahmung an, nämlich so leise zu gehen, wie „ein Raubtier auf Beutefang“. Der Effekt ist sofort zu bemerken, denn weithin scheint plötzlich jeder Schritt zu schallen. Der trockene Weg ist voller schrappender Kieselsteine, knackender Äste und raschelnden Laubes. Oft sucht man die nächste saftige Grasnabe vergebens, die den Schritt dämpfen könnte. Und bloss nicht husten, auch wenn es noch so sehr in der Kehle kitzelt.

Rekultivierung ist hier wie ein Tafelberg angelegt

Nach einer weiteren Biegung aufwärts zum Plateau, der wie ein Tafelberg angelegten Höhe, öffnet sich die Bewaldung und gibt nach rechts einen weiten Blick in ein Tal mit einem Wasserlauf frei. Selbst mit dem Fernglas ist hier kein Wild zu entdecken. Noch eine Kurve weiter, führen Gutmann und Krauß die Gruppe im Gänsemarsch auf eine Anhöhe mit den Überresten alter Eichen und Buchenstämme, die hier im Halbkreis in den Boden eingelassen sind. Als Totholz für Spechte und Lebensraum für viele Insekten seien die Stämme zur Unterstützung der jungen Vegetation aus dem Hambacher Forst hierher gebracht worden, heißt es später.

Aus dieser Deckung heraus sind doch zwei Rehe zu sehen, in gut 200 Metern Entfernung. Eines macht sich nach kurzer Zeit aus dem Staub. Ein anderes hat noch die Ruhe weg und äst, was gut noch mit dem bloßem Auge zu erkennen ist. Dann hebt es den Kopf, wendet den Blick in Richtung Menschengruppe und stellt die Lauscher auf. Es verharrt lange Momente, bis es ohne Eile im nächsten Gebüsch verschwindet.

Die Gruppe sei sehr leise gewesen, und habe darum die Tiere nicht schon beim Anmarsch in die Flucht geschlagen, macht Gutmann der Gruppe später ein Kompliment. Die überaus scheuen Tiere verfügten nämlich über ein ausgezeichnetes Gehör. Leider habe der aufkommende Wind einen Strich durch die Rechnung gemacht und den Geruch der Gruppe Richtung Rehnase getrieben, die fremde Gerüche mit einer Reichweite bis 300 Metern im Umkreis wittere. Aber wir seien dennoch „sehr nahe“ an die Tiere herangekommen. 

Ein bisschen Rehkunde

Zum so genannten „Schlüpfertypus“, zählten sich Rehe, weil sie vor Feinden im Fluchtmodus mit bis zu vier Meter langen Sprüngen Unterschlupf im nächsten Gebüsch suchten, hatte die Gruppe an Wegbiegungen von der Georessourcen-Managerin Melanie Gutmann von und ihrer Assistentin, der Studentin Gianna Krauß, gelernt.

Zu ihren Aufgaben gehöre das „Monitoring“, das Beobachten und Erfassen der Entwicklung von Fauna und Flora derrekultivierten Flächen. Aber auch das tatkräftige und kribbelige Umsiedeln von Ameisenhaufen,Schicht für Schicht,an einen windgeschützten, teils sonnigen Standort gehöre dazu. „Man muss die Königin finden und mit den Fingern in die Transportbehältnisse heben“, erzählt Gutmann.

Was das Reh angehe, biete die Sophienhöhe mit ihrer vergleichsweisse jungen sprießenden Vegetation, der als „Naschkatze“ bekannten kleinsten Art der Hirschfamilie beste Bedingungen. „Mal hier, mal da“, verzehrten die Rehe nur die jüngsten Triebe, die saftigsten Früchte, Pilze, Eicheln, und Pflanzen mit dem höchsten Nährstoffgehalt. Als „Konzentratselektierer“ bezeichneten sie darum Biologen. Überhaupt bezeichneten sie das Reh gerne als „Trughirsch“, weil es mit Elchen und Rentieren größere Verwandtschaft zeige als mit Hirschen. Viel kleiner und zarter als beim Hirsch zeige sich auch der Kopfschmuck des Rehbocks, das „Gehörn“, das der Bock jedes Jahr im Winter abschmeiße. Bis Mai, Juni wachse ihm jeweils ein neues Hörnerpaar.

Versuchslabor

Bemerkenswert sei auch das Verhalten des weißgefleckten Kitzes und der Ricke bei Bedrohung. Da versuche das weibliche Tier den Jäger vom Nachwuchs abzulenken, der im hohen Gras unter dem Gebüsch oder im hohen Getreide hocke. Nicht einmal zu riechen sei das Kitz, weil es keinen Eigengeruch aufweise, erläutert Gutmann. Bei der Mahd erweise sich ein solches Verhalten allerdings oft als tödlich. Im landwirtschaftlichen Betrieb der Forschungsstelle sei man dazu übergegangen Kitze mit Wärmebildkameras zu orten und den Mähtermin von Wiesen auf Ende Juli zu verlegen.

Als einzigartiges Versuchslabor und als Chance Lebensräume zu gestalten, die vom Verschwinden bedroht sind empfahl Gutmann die Rekultivierung der Tagebaue. Die Bereitstellung ganz spezifischer Biotope wie Wasserpfützen oder Magerrasen würden zunehmend von teils bedrohten Tier- und Insektenarten angenommen. Die Sophienhöhe von Naturschutzverbänden gerne als Dreckhügel bezeichnet, zeichne sich durch stetig wachsende Artenvielfalt aus, so die Georessourcenmanagerin.

Beim nächtlichen Abstieg im flackernden Licht vieler Smartphones kreuzen die Besucher den Weg kraxelnder Kröten, hüpfender Frösche und feucht glitzernder Schnegel.

RWE Forschungsstelle Rekultivierung

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