„Film ab“ hieß es diesmal im Kerpener „Fest der Kulturen“

Ob es sich bei dieser Gans um Michel oder Angelo handelt, weiß allenfalls Severin Hoensbroech, der im „witzigsten Video“ des Festes zum Apfelkuchen ins Café des Türnicher Schlosses einlud.

Live-Stream aus einem Horremer Keller

„Film ab“ hieß es zum „1. virtuellen Fest der Kulturen“ auf dem roten Sofa mit Annette Seiche und Martin Sagel gleich mehrfach. Pünktlich zum Tag der deutschen Einheit stellten sie erstmals einen Livestream von über 30 Videos auf der Videoplattform „You Tube“ vor.

Bühnenerfahren sind die zwei ja. Sonst moderieren die Integrationsbeauftragte der Kolpingstadt und der Vorsitzende des Vereins Vielfalt der Kulturen in Kerpen nämlich das quirlige Geschehen zum Fest der Kulturen auf der Bühne der Europaschule „live“.

Da sprechen sie am Mikrofon mit Tänzerinnen und Musikern, mit Geistlichen aller in Kerpen vertretenen Religionen, genau so wie mit Präsidenten der örtlichen Karnevalsvereine, mit politisch engagierten Menschen und Preisträgern wie Preisträgerinnen des Integrationspreises. Auf der Bühne erleben die zwei natürlich ein direktes Echo  auf die bunten Beiträgen aus dem Publikum.

Ein wenig anders als sonst

Diesmal, zum neunten Fest der Kulturen war alles ein klein wenig anders, wegen des Coronavirus. Die Mitglieder des Vereins Vielfalt der Kulturen in Kerpen e. V. wollten es auch nicht ausfallen lassen. Für ein digitales Format hatte der Verein also Videos eingesammelt. Dabei zeigte sich, manche Teilnehmergruppe war sowieso im Begriff gewesen, etwas für die Bühne einzustudieren.  Andere gestalteten eigens Beiträge im reizvollen Spiel mit den ästhetischen Möglichkeiten des Mediums Video.

Freilich, Kassenwart Wolfgang Pfeil vermisste im Vorhinein schon die Düfte und Leckereien von kulinarischen Köstlichkeiten in den Gängen des Europagymnasiums, dargeboten von einer Vielzahl von in Kerpen vertretenen Kulturkreisen. Menschen aus 130 verschiedenen Nationen leben ja hier, so lautete auch die Auflösung eines Online-Rätsels während der Schau. Nicht selten waren in den letzten Jahren ja zum Liveprogramm in der Aula und dem Markt der Möglichkeiten im Foyer über 1000 Menschen gekommen. Aber die zweite Vorsitzende Betül Ulker war sich spätestens nach Sichtung der ersten Videoclips sicher: „Wir werden wieder ein vielfältiges Programm erleben.“

Rasante Kamerafahrt

Es gebe eine Reihe von Beiträgen, die auffielen, so Martin Sagel, beispielsweise als wahre Meisterwerke der Videoschnitttechnik, so wie der „Corona-Tanz“ der Ballettgruppe des Sport- und Schwimmvereins Kerpen. Als definitiv „witzigstes Video“ empfahl er eine Begegnung mit den gefräßigen Gänsen Michel und Angelo und dem Hausherren von Schloss Türnich, Severin Hoensbroech. Er hatte es mit dem Smartphone in einer einzigen rasanten Kamerafahrt aus der Hand gefilmt. Ansonsten feierte man in all den Jahren am Schloss eigentlich zeitgleich das Erntedankfest mit einem großen Markt, diesmal lud Hoensbroech die Zuhausgebliebenen zum Kuchenessen ins Schlosscafé ein. 

Buntes Programm

Von Beginn an zeigte Sagel viel Gespür für die Andersartigkeit und das Eigentümliche des ersten virtuellen Kulturfestes: „Die Teilnehmer dieses Festes nehmen ihre Zuschauer in ihren Videoclips nämlich mit zu sich nach Hause, in ihre Vereinsheime, ihre Stammkneipe oder in die Gotteshäuser.“

Der Tag der offenen Moscheen falle in vier Moscheegemeinden der Kolpingstadt wegen der Pandemie ebenfalls ins Wasser, wenigstens gebe es Motive aus der Sindorfer „Eyup Sultan Moschee“ der DiTiB zu sehen, sagte Seiche. Aber auch in das evangelische Kirchlein in der Stiftsstraße, in „Das Klümpchen“ führte Schulpfarrer Ralf Herbertz die Zuschauer des Streams. Es ist eine der ältesten evangelischen Kirchen, 1854 errichtet im damals rein katholischen Gebiet rund um Köln. Die Auflagen zum Bau des Kirchleins gewährten so manche Parallele zur Planung heutiger Moscheen, sagte Seiche, das Klümpchen habe damals nämlich nur abseits vom Zentrum in einer Nebenstraße und unter Verzicht auf einen Kirchturm errichtet werden dürfen.

Einblicke ins Katholische des Pfarrbezirks Kerpen Süd-West und die Mödrather Pfarrkirche gewährte Seelsorgerin Dagmar Bilstein. Die buddhistische Pagode Erftstadt „Khmer“ zeigte sich mit einem religiösen Zeremoniell, so Seiche, als „Rausch in Gold und Farben“. Anis Samandari informierte über die Bahai in Deutschland und die Bedeutung der Ellipse und Raute im Glauben der selten anzutreffenden Religion.

Moderation zwischen Chat und Einspielungen

Die Moderatoren ernteten viel Lob im Chat des Streams. Nur mit ihrer Blickführung zu Beginn der Schau zeigten sich manche unzufrieden. Den richteten sie nämlich oft nach unten auf einen Monitor am Boden. Den richtigen Blick ins Publikum hatten sie aber bald als den direkten Blick in die Kameralinse der „Dolly“ entdeckt. Dolly? Gemeint war damit die Hauptkamera im abgedunkelten Keller des Einfamilienhauses von Filmemacher Andreas Bierwirth.

Wie ein Boot in sanfter Meeresdünung bewegt sich hier die Kamera gemächlich vor einem Sammelsurium aus Gläsern hin und her. Und zwar auf einem Schlitten, ein „Dolly“ wie der fahrbare Untersatz einer Filmkamera auch genannt wird. Während der Aufnahme sorgte Andreas Bierwirth (Foto) mit dem Effekt für eine unscharfe, stetige Bewegung am unteren Bildrand. Die immer gleiche Sicht auf das rote Sofa sollte so noch ein wenig lebendiger werden. 

Überhaupt hatte Bierwirth, der sonst gerne Firmenportraits mit filmischen Mitteln umsetzt, reichlich Atmosphäre zwischen etliche schwarze Tücher gezaubert. Hatte Papierlaternen an der Decke, Lavaleuchte und eine Rakete im Hintergrund, in Anspielung an sein AB-Firmenlogo platziert. Eine Sitzgruppe mit gemütlichen Sesseln wartete auf die Preisverleihung des Integrationspreises. Für soviel Einsatz erhielt er von Sagel das Abzeichen des Kulturvereins. 

Buchempfehlung

Annette Seiche hatte das dekorative Ensemble auf dem roten Sofa mit einem Gartenzwerg komplettiert. Es war gleichzeitig Symbol deutschen Bürgertums inmitten kultureller Vielfalt, Corona-Abstand-Mahner zum Moderationspartner Sagel und Überbringer des 70 Seiten starken Bestsellers des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert „Demokratie braucht Demokraten“.

Und, Seiche hatte zwei große Kisten mit Hüten mitgebracht, zur passenden Anmoderation der Videos, gesammelt auf Dachböden und aus Schränken. Da war der knautschfeste Kirchenhut des Vaters genauso dabei, wie die Melone der Tante Sophie oder ihr Spitzhut mit lila Feder, den die Mutter eigens auf ihren kindlichen Wunsch anfertigte, doch einmal im Karneval als „Musketier“ auszugehen. Der Cowboyhut mit Vuvuzela und Schal in den Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold durfte auch nicht fehlen. Den habe sie ohnehin in ihrem Büro verstaut, an Gelegenheiten ihn rauszukramen fehle es nicht, sagte die Integrationsbeauftrage.

Integrationspreis

Ganz am Ende des Festes der Kulturen gab es auch noch die Ehrung des Buirer Mosaikkünstlers Michael Müller. Er wurde von Bürgermeister Dieter Spürck und dem Vorsitzenden des Integrationsrates Tamer Kandemir mit dem auf 1000 Euro dotierten Integrationspreis ausgezeichnet. Sie waren beide ins Studio gekommen, bis auf den Künstler selbst. Michael Müller, der am Wochenende auf Reisen war, bedankte sich in einem selbst gedrehten Video. Kinder und Jugendliche aus dem Irak führt er an die Kunst des Mosaiklegens heran.

Hier ist der Stream noch zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=ado4Lyg778E

2 Antworten auf „„Film ab“ hieß es diesmal im Kerpener „Fest der Kulturen““

  1. Vielen Dank Oliver Tripp für diese tolle Zusammenfassung. Zu gerne würde ich mir den Text ausdrucken, für unser Vereinsarchiv (geht das?) und zu gerne hätte ich die Fotos hier im Original für unser Archiv (könnte ich die alle in Originalgröße haben?). Danke und weiter so! Es wäre ja zu schön, wenn das auch im Kölner Stadtanzeiger so erscheinen könnte…

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